Hier finden Sie den Namensartikel unseres Präsidenten, GenLt a.D. Hans-Werner Fritz, zur Ausstellung.
Author: smichel
Rede Präsident BDF – GL a.D. Hans-Werner Fritz – zum Fallschirmjägergedenken Altenstadt am 26. Mai 2019
Meine sehr verehrten Damen, meine Herren, liebe Kameraden!
Es ist erst wenige Tage her, dass ich mit einer Gruppe von ehemaligen Fallschirmjägern der Kameradschaften Nagold und Calw mit Damen aus Mt. Cassino zurückgekommen bin. Anlass unseres Besuches waren die Gedenkveranstaltungen zum 75. Jahrestag der Schlacht um Mt. Cassino, die am 17. Januar 1944 begann und am 18. Mai 1944 mit einem Durchbruch und dem weiteren Vordringen der Alliierten auf Rom endete. Die Schlacht um Mt.Cassino war eine der blutigsten des 2. Weltkrieges – was vielen bis heute nicht bewusst ist – und war neben dem Einsatz auf Kreta sicher einer der schwersten und verlustreichsten Einsätze der deutschen Fallschirmjäger überhaupt. Insgesamt sind bei den Kämpfen um Mt.Cassino auf alliierter Seite 55.000 Tote und auf deutscher Seite 20.000 Tote zu beklagen. Nicht zu vergessen die großen Verluste auch der italienischen Bevölkerung in diesem Raum.
„Mortui Viventes Obligant“ – „Die Toten verpflichten die Lebenden“ – so lautet eine bekannte Mahnung schon aus römischer Zeit. Steht man heute auf den Soldatenfriedhöfen vor den Gräbern der Gefallenen wird der Sinn dieser Worte so klar wie je: Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen, aber wir haben eine Verpflichtung für das Jetzt und das Morgen. Uns selbst und den nachfolgenden Generationen gegenüber. Diese Verpflichtung kann man in zwei Schlagworten zusammenfassen, nämlich „Nie wieder!“ und „Versöhnung“!
Ich glaube, beide Gedanken, „Versöhnung“ und „Nie wieder“ sind bei allen ehemals kriegsführenden Nationen angekommen. Wir haben bei unserem Besuch neben der Gedenkveranstaltung auf dem deutschen Soldatenfriedhof – diese stand für uns natürlich im Mittelpunkt – auch an den Gedenkveranstaltungen der Briten und der Neuseeländer auf dem Commonwealth-Friedhof in Mt. Cassino teilgenommen. In keiner der Reden, die dort gehalten wurden, war von Hass oder gar Vergeltung der Rede. Im Mittelpunkt standen immer die Trauer um die Toten beider Seiten und der Wunsch nach Frieden. Im Angesicht der Gräber und der Lebensdaten der Gefallenen wird jedem klar, dass Kriege nicht von alten Männern, sondern von den ganz jungen, teilweise noch Teenagern – wie wir heute sagen würden – gekämpft werden. Wir sprechen also von denjenigen, die seinerzeit das Leben eigentlich noch vor sich hatten und die Zukunft ihres Landes waren.
Die Leiden und die Belastungen, die diese Soldaten zu tragen hatten, gehen vermutlich über unser Vorstellungsvermögen hinaus und nur diejenigen unter uns, die selbst im Feuer gestanden haben, haben vielleicht eine Ahnung von dem, was sich in den Schlachten abgespielt hat. Wir wurden bei unserem Besuch von einem der wenigen noch lebenden „alten Adlern“ begleitet. Heute 94 Jahre alt, nahm er an den Kämpfen um Mt. Cassino als 18 Jähriger teil. Er kannte noch jeden Namen der Kameraden seiner Einheit, die in Mt. Cassino den Tod gefunden hatten, und die Umstände, unter denen sie gefallen waren: Zwei verbrannten bei lebendigen Leib in einem Heuhaufen, in dem sie eine Stellung bezogen hatten und der von einer Mörsergranate getroffen wurde. Vier stürzten mit ihrem Gefechtsfahrzeug in eine Schlucht, keiner überlebte das Unglück. Zwei wurden von einer alliierten Panzergranate zerrissen und einer – heute kaum fassbar – wurde von einem deutschen Feldwebel, der der Einheit erst wenige Tage angehörte, erschossen, weil sich der Soldat, ein Oberjäger, einem sinnlosen Befehl widersetzte. Der Tränen, die unser alter Adler vor den Gräbern seiner Kameraden vergoss, brauchte er sich wahrlich nicht zu schämen. Es war anrührend und tröstlich, als wir unseren Kameraden mit drei britischen „alten Adlern“ – sie waren zwischen 94 und 96 Jahre alt – bei der britischen Gedenkfeier bekanntmachen konnten.
Die alten Herren sprachen freundlich und respektvoll miteinander, von Groll oder Ablehnung keine Spur. Nach meinem Eindruck hatten alle ihren Frieden gefunden.
Die Tatsache, dass die deutschen Soldaten und unter ihnen die Fallschirmjäger, in einem Krieg ihr Leben ließen, der zu diesem Zeitpunkt längst verloren war und der – noch viel schwerwiegender – von einem verbrecherischen Regime für einen verbrecherischen Zweck geführt wurde, ändert nichts daran, dass der Gefechtswert und die Kampfmoral insbesondere der Fallschirmjäger sehr hoch waren. Eigentlich eine Tragik in sich! Ich sprach bei der Gedenkfeier der Neuseeländer mit einem älteren Herrn, dessen Vater in Mt. Cassino gefallen war. Der sagte zu mir: “Warum musstet ihr Deutschen so tapfer kämpfen? Was wäre uns und Euch erspart geblieben?“ Er sagte dies nicht vorwurfsvoll, sondern traurig.
Wer könnte den Gefechtswert der Fallschirmjäger in den damaligen Kämpfen besser beurteilen als die ehemaligen Alliierten!? Ein Zitat aus einem Bericht vom 22.März 1944 des damaligen britischen Oberbefehlshabers in Mt. Cassino, General Alexander, an den Chef des Generalstabes des britischen Empires, Feldmarschall Alanbrook, belegt das mehr als deutlich. General Alexander schrieb über die deutschen Fallschirmjäger: „Unglücklicherweise kämpfen wir gegen die besten Soldaten der Welt. Was für Männer! Sie hätten das Luftbombardement Cassinos und dann das (….) Trommelfeuer des größten Teils von 800 Geschützen sehen sollen und wie dann den Neuseeländern als sie zum Angriff antraten, ein Haufe die Stirn bot – nein kein Haufe, sondern was von diesen wilden Tieren übriggeblieben war. Ich sprach nachher mit mehreren von ihnen – treffliche, kräftig aussehende Burschen, und mit gesittetem Benehmen. Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Truppe es damit hätte aufnehmen können, außer vielleicht diese Fallschirmjungens (selbst).“ Soweit die Bewertung der Gefechtsleistungen der deutschen Fallschirmjäger durch einen britischen General.
Die Soldaten der Bundeswehr – und damit wiederum die Fallschirmjäger – stehen nun seit über 25 Jahren in Einsätzen fast rings um den Globus. Auch die Fallschirmjäger der Bundeswehr haben Verluste an Toten und Verwundeten in den Einsätzen, vor allem in Afghanistan, erlitten.
Im Gegensatz zu ihren Kameraden in der ehemaligen deutschen Wehrmacht können sie jedoch gewiss sein, Aufträge zu erhalten, die demokratisch legitimiert und kontrolliert sind und keinem Unrecht dienen. Dies immer sicherzustellen – darin liegt die besondere Verantwortung der Politik! Für die Kampfmoral der jungen Soldaten ist die Legalitäts- und Legitimitätsfrage von Einsätzen ein entscheidender Faktor! Oder einfacher ausgedrückt: Ist das, was wir tun, Recht und wird es von der Masse der Bevölkerung verstanden und mitgetragen?
Wie ihre Kameraden in der ehemaligen Wehrmacht jedoch erleben auch die Soldaten der Bundeswehr die Härten von Tod und Verwundung. Ein junger Fallschirmjäger sagte mir unter Tränen am Abend eines Gefechtstages, an dem er einen Kameraden verloren hatte: „Herr General, ich kann das gar nicht fassen: Heute Morgen haben wir noch gemeinsam gefrühstückt und heute Abend ist er tot!“ Fast wortwörtlich das Gleiche hat uns unser alter Adler in Mt. Cassino, ebenfalls unter Tränen gesagt, als er von Tod der zwei Kameraden sprach, die im Heuhaufen verbrannten: „Morgens sind wir noch gemeinsam Streife gegangen und mittags waren sie tot!“
Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass von den Soldaten, die in Afghanistan unter meinem Kommando gefallen sind, seien es Deutsche, Amerikaner oder Skandinavier, egal welche Nation, dass von diesen jungen Männern keiner sterben wollte. Sie wollten alle leben, nahmen aber die Gefahr des Todes als ständigen Begleiter tapfer auf sich. Alles oberflächliche, den Tod und die Verwundung auf dem Gefechtsfeld verherrlichende Gerede verkennt – vorsätzlich oder fahrlässig – die Realitäten des Kampfes. Hier geht es um Blut, Töten und Getötet werden, Schweiß, Angst und höchste Anspannung. Faktoren, denen die Soldaten ausgesetzt sind und mit denen umzugehen sie lernen müssen.
Am Ende sind es Korpsgeist, Können und Kameradschaft, die bekannten drei „K`s“, die der Leim sind, der die Truppe zusammenhält. Ich kann Ihnen versichern, dass sich auch die heutige Generation von Fallschirmjägern – Männer wie Frauen – im Gefecht bewährt hat und sich eines ausgezeichneten Rufs – auch bei unseren Verbündeten – erfreut.
Der Tod jedes Einzelnen von ihnen ist eine Tragödie, auch und besonders für seine Angehörigen. Wer einmal vor einer jungen Frau gestanden hat, die ihr Kind auf dem Arm hat, und der man sagen muss, dass ihr Mann nicht mehr nach Hause kommt, weiß, wovon ich rede. Ich kann nur hoffen, dass die Bevölkerung unseres Landes sich des Opfers bewusst ist, was von unseren jungen Männern und Frauen für unser aller Freiheit erbracht wird. Vor diesem Hintergrund habe ich es sehr begrüßt, dass in Potsdam-Schwielowsee beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr der Wald der Erinnerung errichtet wurde, der unsere im Einsatz gefallenen Kameraden ehrt. (Einige Broschüren dazu habe ich am Kirchenausgang bereitgelegt. Sie können sie gern mitnehmen.)
Ich darf Sie nun bitten, mit mir der gefallenen Soldaten aller Generationen und unserer Kameraden der Fallschirmjägertruppe zu gedenken. Für diejenigen Soldaten der Bundeswehr, die zur Zeit in den Einsätzen sind, bitten wir Gott um eine gute und glückliche Heimkehr.
Ich danke Ihnen!
Gedenken an Brigadegeneral a.D. Helmut Harff
Brigadegeneral Helmut Harff ist am 8.September 2018 im Alter von 79 Jahren verstorben.
Ein langes und außergewöhnliches Soldatenleben ist damit zu Ende gegangen.
Es begann am 06.April 1959 als der 19-jährige Abiturient nach freiwilliger Meldung zur Fallschirmjägertruppe seinen Dienst als Offizieranwärter im damals in Kempten stationierten FallschirmjägerBtl 262 antrat. Auch nach seiner Ausbildung zum Fallschirmjäger-Offizier wurde er im mittlerweile nach Bergzabern verlegten FschJgBtl 262 als Zugführer, im BtlStab und als KpChef eingesetzt – auch mit dem Gewinn erster internationaler Erfahrungen durch den AMF-Auftrag dieses Bataillons. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft und anschließender Verwendung als S1-Offz der LLBrig 25 absolvierte er die Generalstabsausbildung an der Führungs-Akademie der Bundeswehr. Eine erste Generalstabsverwendung im Grundsatzreferat für die Personalplanung des Heeres im BMVg schloß sich an; die als G1 der 1.LLDiv in Bruchsal folgte.
1980 und 1981 führte er dann sein mittlerweile nach Merzig verlegtes altes FschJgBtl 262 als Kommandeur, gefolgt von mehreren Aufgaben an der Führungsakademie der Bundewehr in Hamburg bis 1986: Zunächst als G1-Dozent und später als Tudor und Lehrgangsleiter, zwischenzeitlich unterbrochen von der Ausbildung am NATO-Defense-College in ROM. Von 1987-1990 wurde er zunächst Leiter des Vorbereitungsstabes für den Aufbau der neuen Bundesakademie für Sicherheitspolitik und anschließend Referatsleiter des Grundsatzreferates für die Personalplanung des Heeres im Verteidigungsministerium.
Ende März 1990 übernahm er als Nachfolger von BG Fritz Eckert das Kommando über die LLBrig 26 und mit dieser, seiner alten Brigade im Juli 1993 als Kommandeur des I. Kontingents die Führung des UNOSOM-Einsatzes der Bundeswehr in Somalia.
Diese für die Bundeswehr weithin neue Aufgabe für die Bundeswehr im erweiterten Einsatzspektrum mit der damals besonders kritischen sicherheitspolitischen Bedeutung für unser Land meisterte der damalige Oberst Harff in überzeugender Weise. Von den vielen neuartigen politischen, militärischen und logistischen Herausforderungen eines Einsatzes in Afrika bis hin zum Zusammenwirken mit weithin ungewohnten Partnernationen im Rahmen der UNO. Und nicht zuletzt auch die, im Einsatz selbst aus dem aus vielen unterschiedlichen Truppenteilen zusammengewürfelten Verband eine Truppe zu formen, die reibungslos zusammenwirkte, einen besonders engen Zusammenhalt entwickelte und ihre Aufträge in vorbildlicher Weise in diesem schwierigen Umfeld erfüllte. Die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse nach diesem Einsatz neben der UN-Ehrenmedaille und später des Ehrenkreuzes der Bundesswehr in Gold sprechen für sich selbst.
Wenige Monate nach Rückkehr von diesem Einsatz wurde BG Harff dann im April 1994 als General für Zentrale Heeresangelegenheiten und Abteilungsleiter I im Heeresamt in Köln versetzt, sicher auch mit der Absicht seine frisch gewonnenen wertvollen Einsatzerfahrungen für die Weiterentwicklung des Heeres zu nutzen.
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wurde Brigadegeneral Harff – mit Ausweitung der Einsätze der Bundeswehr auf dem Balkan – 1997zunächst als Chef des Stabes der Multinationalen Division Süd in Mostar eingesetzt und 1998 dann als Stellvertretender Kommandeur des Kommandos Luftbewegliche Kräfte/4.Div nach Regensburg versetzt, um als Nationaler Deutscher Befehlshaber im Einsatzland den deutschen Beitrag zum KFOR-Einsatz zunächst in Mazedonien vorzubereiten und dann ab Juni 1999 diesen im Kosovo zu führen.
Der „Habicht“ so nannten ihn seine Soldaten nicht nur wegen seiner hageren Statur, sondern vor allem seiner raschen unbeirrbaren Beobachtungsgabe, seinem schnellen, klaren Urteil – und der Unerbittlichkeit, mit der er Fehlern und Nachlässigkeiten begegnete. Nach unten und oben.
„Heute schon geharfft worden?“ – seine Soldaten wußten, daß er sich genau so konsequent im Zweifelsfall auch für sie einsetzte und für sie da war.
Wir danken ihm für seine Leistungen und sein Vorbild – auch dafür, daß er sich auch im Ruhestand für den kameradschaftlichen Zusammenhalt in unseren Bund einsetzte. Ohne große Worte.
Wir werden ihn nicht vergessen.
Treue um Treue.
Gedenkansprache GM a.D. Bernhardt beim Fallschirmjägergedenken am 26.05.2018 in Altenstadt
Herzlichen Dank, Herr Pfarrer Beyrer, für diesen Gottesdienst.
Auch dafür, dass Sie uns mit dieser Gedenkfeier seit mittlerweile 16 Jahren hier aufgenommen und unterstützt haben – nachdem das traditionelle jährliche Gedenken für die Opfer der Schlacht um Kreta an unserem Ehrenmal in der Kaserne untersagt worden war. Und der Kirchengemeinde Dank dafür, dass wir auch in diesem Jahr in diesem ehrwürdigen Gotteshaus unser Gedenken durchführen dürfen. Gleichfalls unserer Altenstadt-Schongauer Fallschirmjägerkameradschaft vielen Dank für Vorbereitung und Organisation auch des diesjährigen Gedenkens sowie all denen, die dafür gesorgt haben, dass diese Tradition über all die Jahre uns erhalten geblieben ist. Und Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre Teilnahme, besonders den Fahnenabordnung und den Musikgruppen.
Wir gedenken mit dieser Feier der Gefallenen und Vermissten der Fallschirmtruppe der Wehrmacht sowie der Truppenteile, die zu ihr gehörten oder sie unterstützten, aber auch der gefallenen Gegner, die ihr gegenüberstanden. Wir gedenken der Gefallenen der Bundeswehr und derjenigen, die ihr Leben im Dienst für unser Land lassen mussten. Dabei besonders unseres Kameraden Hauptfeldwebel Tim KALISCH von unserer Luftlande-Schule, der am 05. Juli 2017 in Wiener-Neustadt bei der Freifall-Ausbildung tödlich verunglückte. Und wir schliessen in dieses Gedenken die Kameraden, ihre Angehörigen und unsere Mitarbeiter ein, die uns seit dem letztjährigen Gedenken verlassen mussten.
Wir wissen alle, dass mit dem Gedenken an unsere Gefallenen und Vermissten des II. Weltkrieges immer auch das Erinnern an die Verbrechen des verantwortungslosen damaligen Regimes verbunden ist, die damals im deutschen Namen geschehen sind. Wir dürfen aber nicht den heutzutage gerne benutzten, den bequemen und billigen Weg gehen, dass wir deswegen einfach die Wehrmacht, die Armee unsere Väter und Vorväter, pauschal, ohne Einzelbeurteilung mit dem Stempel „nicht traditionswürdig“ versehen und in den Keller der Geschichtsvergessenheit entsorgen. Schon deswegen nicht, weil die ehemaligen Soldaten der Wehrmacht, die das Glück hatten, Krieg und Gefangenschaft zu überleben, diesen unseren demokratischen Staat im Wesentlichen mit aufgebaut und unseren heutigen Wohlstand mit begründet haben. Und erst recht nicht vergessen dürfen wegen der Millionen von Opfern, die diese Soldatengeneration erbringen und erleiden musste.
Alleine die Fallschirmtruppe hatte bis Kriegsende über 60.000 Gefallene und Vermisste zu beklagen – nahezu die Stärke unseres heutigen Heeres. Bei einer ursprünglichen Gesamtstärke der Fallschirmtruppe von 280.000 Soldaten, bedeutet dies, dass bis Kriegsende jeder 5. Fallschirmjäger gefallen ist oder als vermisst gilt. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des FschJg-Regiments 2, das zeitweilig vom damaligen Oberst Kroh, dem späteren Kommandeur unserer 1.Luftlandedivision, geführt wurde. Dieses Regiment wurde seit 1941 viermal aufgerieben und musste jedes Mal im Grunde neu aufgestellt werden. Für uns ist es heute kaum nachvollziehbar, wie diese Truppe trotzdem bis in die Endphase des immer aussichtsloser werdenden Krieges ihren Kampfgeist und ihren besonders engen kameradschaftlichen Zusammenhalt bewahren konnte. Noch erstaunlicher ist, dass dieser besondere kameradschaftlichen Zusammenhalt innerhalb der Fallschirmtruppe auch über das Kriegsende und den katastrophalen Zusammenbruch von 1945 hinweg gehalten hat.
Die ehemaligen Fallschirmjäger, die jetzt allmählich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden und in die Trümmerwüste, die von Deutschland übrig geblieben war zurückkehrten, kümmerten sich trotz der allgemeinen Not nicht nur um das eigene Überleben, sondern auch um die Angehörigen ihrer gefallenen oder vermissten Kameraden und deren Schicksal. „Treue um Treue “, dieses 500 Jahre alte Leitwort, das schon Grundforderung für den kameradschaftlichen Zusammenhalt im Kriege war, gewann seine besondere Bedeutung im wechselseitigen kameradschaftlichen Überleben-Helfen in der schweren Nachkriegszeit. Es blieb unserer Zeit vorbehalten, dieses Leitwort für das deutsche Heer zu verbieten.
Als Beispiel für gelebte und vorgelebte“ Treue um Treue“ sei hier nur Rudi Müller erwähnt. Unser langjähriger Archivar, ehemals Oberjäger im bereits angesprochenen Fallschirmjägerregiment 2 und später nach dem Krieg Polizeikommissar in Würzburg. Er hat nicht nur über Jahre hinweg in mühsamer Kleinarbeit die Kompanielisten mit den Namen eines jeden Soldaten seines mehrfach zerschlagenen Regimentes zusammengestellt und in mühsamer Kleinarbeit vervollständigt und alle Informationen dafür um die Einsätze des Regimenter zusammengetragen, insbesondere um das definitive Schicksal seiner vermissten Kameraden zu klären. Er hat auch alle die vielen Stätten im Westen, Süden und Osten besucht, wo dieses Regiment eingesetzt war und wo gefallene Kameraden seines Regimentes liegen oder liegen könnten. Und dabei insbesondere bei diesen Fahrten nach Russland, Weißrussland und in die Ukraine zumeist einen LKW mit Hilfsgütern mitgeführt hat, um zu helfen und gleichzeitig zur Freundschaft mit dem ehemaligen Gegner beizutragen.
Der vielfältige Beitrag der alten Soldaten und nicht zuletzt der ehemaligen Fallschirmjäger zur Aussöhnung mit dem bisherigen Gegner und zur Völkerfreundschaft ist heute weithin bei uns vergessen. Aber nicht bei unseren ehemaligen Gegnern, wie es auch in diesem Jahr in diesen Tagen die wechselseitige und selbstverständlicher Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen auf Kreta oder am Monte Cassino zeigen. Und wir dürfen auch darüber nachdenken, dass an der Deutschen Gedenkfeier auf Kreta mittlerweile mehr Griechen als Deutsche teilnehmen.
Heute Abend landet in München vom gemeinsamen Gedenken auf Kreta kommend der 97 -jährige ehemalige Korporal der neuseeländischen Streitkräfte, Toni MADDEN. Er ist im Mai 1941 auf Kreta verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und wurde offensichtlich gut behandelt. Er hat den Wunsch, bei den gemeinsamen Feierlichkeiten auf Kreta und jetzt bei seinem Besuch in München noch einmal einem seiner früheren Gegner die Hand zu drücken. Und – wie er sagt – auch den freundlichen Münchnern, die ihn wohl ebenfalls gut behandelt haben, als er als Kriegsgefangener dort Straßen nach den Luftangriffen reinigen musste. Deswegen hier erwähnt, weil dies daran erinnert, dass die neuseeländische Kreta – Veteranen – Union bereits Anfang der 60er Jahre beim Kampf um Kreta eingesetzte deutsche Fallschirmjäger zu ihren Ehrenmitgliedern ernannte. Eine noble Geste, aber auch Zeichen der erfolgreichen Arbeit zur Völkerverständigung, die vorher schon die alten Fallschirmjäger geleistet haben. Diese Arbeit kam auch der jungen Bundeswehr zugute.
Die längste internationale Übungsserie, die deutsch-französische COLIBRI – Übung (erstmals durchgeführt im Mai 1962, also vor 56 Jahren) geht wesentlich auch auf Kontakte zurück, die die alten deutschen Fallschirmjäger um den späteren Brigadegeneral d.R. Professor Dr. von der Heydte schon bald nach dem Krieg nach Frankreich geknüpft hatten.
Und die schließlich – nach weiteren jahrelangen Bemühungen zunächst von Oberst Rudolf WITZIG und dann von Oberstleutnant Karl-Heinz SANDER am 28.11.1989, also vor bald 29 Jahren, zur Gründung der Union Europäischer Fallschirmjäger (UEP) führten. Hier in ALTENSTADT an unserer Luftlandeschule, wie sie für uns Alte immer noch heißt. Mit dieser UEP, nehmen die Fallschirmjäger-Vereinigungen aus mittlerweile 11 Ländern ein Stück europäische Zukunft vorweg, helfen sie gestalten und gemeinsam voranzubringen. Und die aktuelle internationale Entwicklung zeigt uns ja mehr als deutlich, dass dies notwendig ist und wir insbesondere mit unserer gemeinsamen Verteidigungsfähigkeit voran kommen müssen – und nicht weiter in immer wieder neuen Deklamationen und Papieren stecken bleiben dürfen. In den Statuten der UEP verpflichten sich die Mitgliedsverbände diese europäische Zusammenarbeit zu fördern und bekennen sich gleichzeitig zu der gemeinsamen Aufgabe, der jungen Generation „den auf Ehre und Pflichterfüllung beruhenden Geist der Fallschirmjäger zu vermitteln“.
Wir dürfen gleichzeitig aber eines nicht vergessen: Ohne den gemeinsamen Schutz von Freiheit und Sicherheit durch unser Bündnis wäre diese gemeinsame Entwicklung und wäre die längste Friedensphase in Europa, die wir in den letzten Jahrzehnten genießen konnten, nicht möglich gewesen. Die Fallschirm – und Luftlandetruppe unserer Bundeswehr hat hier wesentlichen Anteil. Vom bewundernswert raschen Aufbau besonders leistungsfähiger Verbände in der Anfangsphase über die jahrelange Wahrnehmung des AMF – Auftrags in den kritischen Flanken der NATO bis hin zu den immer häufiger, umfangreicher und vielgestaltiger werdenden Auslandsaufträgen in immer neuen Krisengebieten der Welt. Und unsere Fallschirmjäger nehmen diese nach alter Tradition zumeist als erste, als erste Welle, wahr.
Wenn zu Recht die unzureichende Ausstattung der Bundeswehr beklagt wird, so muss man umso mehr anerkennend hervorheben, dass unsere jüngeren Kameraden trotz dieser Mängel immer wieder und immer noch alle ihre vorgegebenen Aufträge erfüllt haben. Wir dürfen dabei aber die nicht vergessen, die dabei und über all die Jahre vorher im Dienst für uns alle ihr Leben hingeben mussten. Von den Opfern des Iller-Unglücks vor 61 Jahren über die vielen im Dienst ums Leben gekommenen Kameraden (in manchen Jahren waren dies bis zu Einhundert) bis hin zu den gefallenen Fallschirmjägern beim Karfreitags-Gefecht bei ISA KHEL in AFGHANISTAN.
Angesichts der vielen und vielfältigen Herausforderungen unserer Tage, der Krisen und instabilen Entwicklungen um uns herum, sind aber Gedenken und der Blick zurück zu wenig. Wir müssen alle daraufhin wirken, dass unsere aktiven Kameraden wirklich die Voraussetzungen erhalten, um ihre angesichts dieser Herausforderungen noch schwieriger werdenden Aufträge zu erfüllen. Und nicht immer wieder auf kommende Haushaltsjahre vertröstet und oder mit Papier-Ankündigungen hingehalten zu werden. Und wir müssen vor allem dafür sorgen, dass sie in unserer Gesellschaft die Unterstützung und Anerkennung erhalten, die sie verdienen.
Vielen Dank.
„Tradition und soldatisches Selbstverständnis – Anmerkungen zu einer aktuellen Diskussion“
All dies führte u.a. dazu, dass der bis dahin gültige Traditionserlass von 1982 überarbeitet werden soll. Natürlich kann man sich grundsätzlich die Frage stellen, ob ein Traditionserlass, der 35 Jahre alt ist und von daher weder die Wiedervereinigung, noch die Integration von Angehörigen der ehemaligen NVA sowie das Aussetzen der Wehrpflicht reflektieren kann, nicht überarbeitet werden sollte. Im übrigen Gründe, die auch offiziell als Anlass für die Überarbeitung genannt werden.
Aber seien wir ehrlich: Auslöser war meines Erachtens der erwähnte Fall des rechtsextremen Oberleutnants und die sich daran anschließende Debatte über das Verhältnis von ehemaliger Wehrmacht zur Bundeswehr und die sich daran anknüpfende Frage, was denn aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 für die Bundeswehr traditionsstiftend sein könnte. Eine Diskussion, wie wir wissen, die die Bundeswehr seit ihrer Gründung begleitet – ich bin geneigt zu sagen: verfolgt – und die offensichtlich auch über 60 Jahre nach Aufstellung der Bundeswehr noch nicht abgeschlossen zu sein scheint.
Wer die derzeit laufenden Diskussionen zu diesem Thema innerhalb und außerhalb der Bundeswehr mitverfolgt hat, weiß, dass es durchaus „eine Welle gemacht hat“, wie die jüngere Generation sagen würde. Ich habe versucht, diese Diskussion auch innerhalb der Truppe möglichst zu verfolgen und dort Beiträge zu leisten, wo ich es kann. Mich haben dabei drei Gedanken besonders geleitet:
Die Leitung dieser Auftaktveranstaltung lag bei Ministerin von der Leyen, der Generalinspekteur, General Wieker, war durchgängig anwesend. Teilnehmer waren im Wesentlichen Angehörige des Stabes der FüAk, Lehrgangsteilnehmer, akademische Vertreter sowie einige Ehemalige. In ihren einleitenden Worten gab die Ministerin u.a. zu verstehen, dass man sich bei der Überarbeitung des Traditionserlasses von 1982 Zeit lassen wolle, weil es das Thema erfordere.
Ich halte das für richtig, weil das Thema keine oberflächliche Behandlung verträgt und auch aus dem gerade zu Ende gegangenem Wahlkampf herausgehalten wurde, wenn man denn unterstellt, dass es die Brisanz für ein Wahlkampfthema hatte.Es gab zur weiteren Einführung in die Thematik sehr gute Einführungsvorträge, auf die ich im Folgenden auch gelegentlich inhaltlich zurückgreifen möchte. In insgesamt vier Arbeitsgruppen versuchte man eine erste Annäherung an das Thema und die sich daraus ergebende weitere Teilaspekte.
An ihn richtete der Kommandeur der FüAk die Frage „Was versteht man in den britischen Streitkräften unter Tradition?“ Der junge britische Major überlegte kurz und gab dann folgende ruhige Antwort: „Ich weiß nicht, was die Navy und die Airforce unter Tradition verstehen, ich kenne nur die Tradition meines Regiments!“
Erstaunte Nachfrage des Kommandeur FüAk: „Aber was ist denn mit den Werten und Normen, auf denen ihre Traditionen aufbauen?“
Wiederum gelassene Antwort des jungen Majors: „Ich bin britischer Staatsbürger und diene als Offizier meinem Land. Es ist doch klar, dass ich dessen Normen und Werte vertrete!“
Der Erlass von 1965 trug die Überschrift „Bundeswehr und Tradition“ und wurde ins Leben gerufen, weil es zu dieser Zeit innerhalb der Bundeswehr, aber zu nicht geringen Teilen auch außerhalb der Bundeswehr zum Teil heftige Diskussionen vor allem um die Frage gab, was denn mit Blick auf die ehemalige deutsche Wehrmacht für die Bundeswehr tradierbar sei. Wie bereits eingangs gesagt, eine offensichtlich sehr alte Debatte. Der Erlass von 1965 wurde bis auf die Kompanieebene verteilt und sollte einen Rahmen für die Traditionspflege setzten, die man damals klar bei den Truppenteilen sah. Die Abgrenzung zu den Greultaten der Nazis sowie der Missbrauch soldatischen Gehorsam durch sie wurden klar und unmissverständlich angesprochen. Die Freiheit im Gehorsam im demokratischen Rechtsstaat deutlich herausgestellt. Ich halte den Traditionserlass von 1965 auch heute noch für lesenswert. Er enthält u.a. eine Auflistung der Grundhaltungen des Soldaten, die sich auf Tradition gründen. Dazu gehörten neben anderen auch Toleranz, Gewissenstreue und – bedenkenswert für unsere heutige Zeit – Gottesfurcht!
„In der Geschichte nehmen alle Menschen teil an Glück und Verdienst wie an Verhängnis und Schuld. Diese Einsicht schützt vor einfältiger Bewunderung wie vor blinder Verkennung. Sie öffnet die Augen für den Reichtum der Tradition, macht tolerant, bescheiden und zugleich mutig, selbst Tradition zu bilden.“
Ich bin sicher, dass Helmut Schmidt als ehemaliger Wehrmachtsoffizier sehr gut wusste, wovon er sprach, und es wirkt fast wie Hohn, dass gerade sein Bild in Wehrmachtsuniform zumindest kurzzeitig in der Bundeswehr-Universität Hamburg, die zudem noch seinen Namen trägt, von der Wand genommen wurde.
„Zur besten Tradition deutschen Soldatentums gehört gewissenhafte Pflichterfüllung um des sachlichen Auftrages willen. Sie weiß sich unabhängig von Lob und Tadel und ist eine sichere Grundlage persönlicher Freiheit….“
„Gehorsam und Pflichterfüllung gründeten stets in der Treue des Soldaten zu seinem Dienstherrn, der für ihn Recht, Volk und Staat gelobt. Er bindet beide, Soldaten und Dienstherrn im Gewissen….“
eine der, wenn nicht die Grundpflicht des Soldaten der Gehorsam ist. Eine Forderung, an die wir uns auch heute öfter erinnern sollten. Gerade dann, wenn vor dem Hintergrund einer Reihe von Einzelereignissen, mögen sie zunächst auch bedeutender erscheinen als sie bei ruhiger Betrachtung tatsächlich sind, von dem einen oder anderen im Eifer des Gefechts sehr schnell der „Aufstand der Soldaten“ oder vorzugsweise der „Aufstand der Generale“ gefordert wird.
Der Leiter der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin, Johannes Tuchel, soll einmal gesagt haben: „Geschichte kann ich mir nicht aussuchen, Tradition kann ich mir aussuchen.“ Das ist dann wohl so ähnlich wie mit „Familie“ und „Freunden“… Aber ernsthaft: Wenn es um das „Aussuchen“ für die Traditionslinien der Bundeswehr geht, dürfen wir nicht vergessen, dass allein die 10 Jahre zwischen 1945 und der Aufstellung der Bundeswehr 1955 bereits einen Traditionsbruch dargestellt haben. Die hoch emotionalen und heftigen Diskussionen im Zuge der Aufstellung der Bundeswehr legen ein beredtes Zeugnis dafür ab. Und noch weniger dürfen wir vergessen, dass die Instrumentalisierung der Wehrmacht durch Hitler für seine Ziele vermutlich der größte Traditionsbruch war, den eine deutsche Armee hat je hinnehmen müssen. Gerade der militärische Widerstand wäre nach meinem Dafürhalten nicht denkbar gewesen, wenn sich nicht Offiziere auf die moralischen und ethischen Wurzeln preußisch-deutscher Militärtradition und die darin enthaltenen Tugenden besonnen hätten und bereit gewesen wären, für diese Gesinnung mit ihrem Leben zu bezahlen.
die sich beide gegenseitig bedingen und seitdem zu den Grundlagen der Bundeswehr gehören. Ich selbst bin noch von Soldaten dieser Generation geführt und ausgebildet worden, und ich kann von keinem sagen, dass er ein verkappter Nazi gewesen sei. Viele von diesen hatten sich zudem hohe Tapferkeitsauszeichnungen im Krieg erworben und wussten genau, wieviel menschliches Elend regelmäßig mit Krieg einhergeht.
Ich glaube ganz fest, dass dies der Fall ist!
Der „Leim“, der sie dabei zusammengehalten hat, basiert auf den klassischen soldatischen Tugenden wie auch bei ihren Vorgängergenerationen. Ihr berufliches Selbstverständnis ist dadurch deutlich geprägt worden.
Hier können und müssen Traditionslinien aufgenommen und in die Zukunft übertragen werden. Dass diese Erfahrungen gemeinsam mit Soldaten verbündeter und befreundeter Nationen gemacht werden – oft buchstäblich Schulter an Schulter – ist meiner Meinung nach etwas, was sie von den Soldaten der ehemaligen Wehrmacht unterscheidet und ein wertvolles Pfund, was es auch im Sinne von Traditionspflege zu wahren gilt. Denn eines steht für mich fest: Die Bundeswehr ist bisher und wird auch zukünftig nicht in Einsätze gehen, ohne multinational eingebunden zu sein. Dies geschieht nicht, weil unsere Verbündeten uns nicht trauen, sondern deshalb, weil weder die politischen noch die materiellen Belastungen der Einsätze eine Nation allein schultern kann. Dies gilt auch für die Großmacht USA.
Wer erinnert sich noch an die Brandkatastrophe von 1959 in der Nähe von Iserlohn? Acht harte Tage kämpften deutsche, belgische, britische und kanadische Soldaten tapfer dagegen an!
Viele mögen sich noch an die Sturmflut in Hamburg von 1962 erinnern. Aber wer weiß noch, dass an deren Bekämpfung insgesamt rund 40.000 NATO-Soldaten, darunter neben den deutschen auch britische, amerikanische und niederländische Soldaten beteiligt waren?
Es gibt übrigens eine nicht unerhebliche Zahl von Soldaten, die dabei waren und noch heute in der Bundeswehr dienen.
Auch mit Blick auf die humanitären und Rettungseinsätze – und die Liste ließe sich noch lang fortsetzen – bin ich ganz sicher, dass sich daraus Traditionen ableiten lassen, dass diese Einsätze an sich schon eine Tradition sind. Allerdings müssen gerade wir Soldaten selbst zulassen, dass auch diese Einsätze als „vollwertige“ Einsätze von uns selbst anerkannt und akzeptiert werden. Wir tun uns manchmal schwer damit. Aus dem einen oder anderen Gespräch ist bei mir gelegentlich der Eindruck entstanden, als wenn sich Traditionen nur aus Kampfeinsätzen ableiten ließen. Eine Haltung, die ich besonders bei den Kampftruppen beobachte. Aber seien wir ehrlich: Gehört nicht sehr viel Mut und Tapferkeit dazu, in eine Feuersbrunst zu gehen, um zu löschen oder zu bergen oder einen Teich zu stabilisieren, der jederzeit aufbrechen kann und dann alles mit sich reißt? Ich glaube, dass dazu nicht weniger Mut und Tapferkeit gehört als sich im Angesicht des Feindes zu bewähren.
Ich selbst habe die ersten 17 Jahre meiner Dienstzeit als junger Kampftruppenoffizier im kalten Krieg verbracht. Und ich bin sicher, dass ich für viele meiner und der Vorgängergenerationen spreche, wenn ich sage: Wir haben auch damals unseren Auftrag verdammt ernst genommen! In meinem Bücherregal stehen Chroniken von einigen Verbänden, in denen ich in dieser Zeit gedient habe. Wenn ich allein die Abwesenheiten von zuhause in einem sogenannten „kleinen Übungsjahr“ in dieser Zeit zusammenzähle, so komme ich in der Summe schnell auf Abwesenheitszeiten, wie wir sie heute für Auslandseinsätze rechnen. Ja, es hat damals niemand auf uns geschossen! Gott sei Dank! Aber ich bin sicher, dass viele hier im Saal sich noch gut erinnern können, wie man nach drei oder vier Wochen Übungsplatzaufenthalt mit Schießvorhaben und freilaufenden Übungsanteilen nach Hause kam: Müde, schmutzig und oft auch ausgelaugt. Ich kann mich noch gut an eine dieser Rückkehren als junger Kompaniechef erinnern, wo ich gerade noch den Weg in die Badewanne geschafft habe, in der ich dann eingeschlafen bin.
Meine Frau hat mich schließlich „gerettet“.
Ich meine, es wird auch hier höchste Zeit, darüber nachzudenken!
Auch was die Auslandseinsätze angeht, waren die Fallschirmjäger zeitlich und räumlich ganz weit vorn mit dabei. Ich denke dabei an die Allied Mobile Force (Land), die sogenannte AMF (L), umgangssprachlich „NATO-Feuerwehr“ genannt. Die Aufgabe dieses multinationalen Verbandes war es, im Falle eines Angriffs des ehemaligen Warschauer-Paktes die Flanken der NATO im Norden und Süden des Vertragsgebietes schnellstmöglich zu schützen und dabei ein Zeichen des Zusammenhaltes des Bündnisses zu setzen.
Auf Anfrage der NATO von 1960 meldete Deutschland u.a. ein Fallschirmjägerbataillon in die AMF(L) ein. In der Folge nahm im Oktober 1961 erstmals das damalige Fallschirmjägerbataillon 262 einschließlich einer Sanitätskompanie und einer Luftlandefernmeldekompanie an der Übung FIRST TRY auf Sardinien teil. Die Übungen der AMF(L) setzen sich seitdem regelmäßig – zuweilen im Jahresrhythmus – fort. Die AMF(L) wurde nach über 40 Jahren ihres Bestehens 2002 aufgelöst. Ich bin mir ganz sicher, dass sich auch aus diesen Einsätzen Traditionen ableiten lassen, man muss sich nur daran erinnern und danach fragen. Wahrscheinlich sitzt heute hier im Saal noch eine ganze Reihe von Kameraden, die in der AMF(L) gedient haben und viel beitragen könnten.Genauso wie in den anderen Truppengattungen des Heeres haben auch Fallschirmjäger der ehemaligen deutschen Wehrmacht einen ganz wesentlichen Beitrag zum Aufbau der Fallschirmtruppe der Bundeswehr geleistet. Nach allem, was ich gelesen und gehört habe, muss es auch hier herausragende Persönlichkeiten gegeben haben, über deren Wirken man zum Teil noch heute spricht. Das ist völlig in Ordnung, und wir sollten deren Andenken pflegen.
Das zweite bezieht sich auf unseren Begleiter, der uns vieles so authentisch darstellte. Dem alten Mann brach die Stimme als wir an einer Brücke ankamen, an der er Jahrzehnte vorher mit den Fallschirmjägern unter Feindfeuer in Deckung lag. Wir wurden alle sehr still und ließen ihm gern einige Minuten, um sich wieder zu sammeln.
Als ich dann 2001 meinen Dienst als Chef des Stabes der damaligen DSO antrat und damit in unmittelbaren Kontakt zu den Fallschirmjägern der Division kam, wurde mir schnell klar, dass gerade die Einsätze auf Kreta und die Schlacht um Monte Cassino bis heute nachwirken. Heute und hier ist nun weder der Platz noch die Zeit, diese Einsätze unter operativen Gesichtspunkten zu diskutieren. Besonders was Kreta betrifft, sprechen die Verlustzahlen leider eine nur zu deutliche Sprache. Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Buch von Brigadegeneral a.D. Dr. Roth zur Geschichte der deutschen Fallschirmtruppe zwischen 1936 und 1945.
Die Tatsache, dass diese Einsätze noch heute im Bewusstsein sicher nicht aller, aber einer gewiss nicht geringen Zahl auch junger Fallschirmjäger sind, ist vermutlich weniger auf die Taktiken und die damalige Operationsführung zurückzuführen. Es ist vielmehr ein tief emotionales Element, nämlich das Andenken an den Opfermut, die Tapferkeit und die Entschlossenheit im Kampf, der diese zum Teil blutjungen Soldaten auszeichnete. In diesem Sinne standen auch diese Männer in der guten Tradition deutscher Soldaten vieler Generationen.
Ich freue mich jedes Mal, wenn ich höre, dass es zu Ehren der Gefallenen aller an der Schlacht um Kreta und Monte Cassino beteiligten Nationen Gedenkfeiern gibt, die dem Andenken an die Toten gewidmet sind und den Gedanken der Versöhnung in den Mittelpunkt stellen. Dies gilt im Übrigen auch für viele vergleichbare Veranstaltungen, die den Gefallenen aller Seiten bei anderen Schlachten gewidmet sind.
Mir ist gerade über die letzten Jahre klargeworden, welcher Verlust an gewachsenen Traditionen in der Bundeswehr durch die über mittlerweile Jahrzehnte andauernden ständigen Reformen, Umgliederungen und Auflösungen entstanden ist. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Die Reformen wurden zum jeweiligen Zeitpunkt, als über sie entschieden worden ist, als nötig und unaufschiebbar bewertet. Im Übrigen teilt hier die Bundeswehr das Schicksal der meisten vergleichbaren europäischen Armeen. Möglicherweise aber stärker, da die Bundeswehr ein typisches Kind des Kalten Krieges ist. Ich bin mir auch darüber im Klaren, dass die Gefahr, Traditionen zu verlieren, nicht das entscheidende Kriterium für die Durchführung von Reformen sein kann. Man darf aber diesen Umstand nicht aus den Augen verlieren, da er tief in das Innere Gefüge von Einheiten und Verbänden hineinwirkt.
BDF wählt neuen Präsidenten
GenLt a.D. Hans-Werner Fritz löst GenMaj a.D. Georg Bernhardt ab
Generalleutnant a.D. Hans-Werner Fritz (63) ist der neue Präsident des Bund Deutscher Fallschirmjäger. Der ehemalige Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr hat Generalmajor a.D. Georg Bernhardt abgelöst, der zwölf Jahre lang an der Spitze unseres Bundes gestanden hatte.
Der BDF versteht sich als Anwalt der aktiven Truppe und setzt sich für ihre Stärkung ein. Dieses Bekenntnis prägte die Delegiertenversammlung und die Bundesversammlung des BDF, die am Zentrum Innere Führung in Koblenz stattfanden. „Die kommenden Jahre werden für die Fallschirmjäger und Luftlandetruppen wieder wesentlich durch den Einsatz geprägt sein“, sagte Fritz. „Unsere Satzung gibt uns als wesentliches Ziel vor, die aktive Truppe zu unterstützen. Wir sollten dies mit allen Kräften im Sinne wohlverstandener ,Lobby-Arbeit’ tun, dies trifft auch die Erwartung der Truppe“, forderte der neue Präsident. Viel Beifall erhielt er für die Aussage: „Wir brauchen die Fallschirmjäger unverändert. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“
Hans-Werner Fritz verfügt über langjährige Erfahrung in der Luftlandetruppe: Unter anderem war er ab 2003 Kommandeur der Luftlandebrigade 26 in Saarlouis und führte ab 2008 die Division Spezielle Operationen in Regensburg. Von Juni 2010 bis Februar 2011 war der General Regionalkommandeur Nord der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF in Afghanistan.
Bei dem Treffen fand der scheidende Präsident kritische Worte. Er habe eine große Sorge bei der aktuellen Diskussion um die innere Sicherheit, meinte Bernhardt: „Sie darf nicht dazu führen, dass nur noch die Polizei gesehen wird, und die Bundeswehr als Schutzinstrument für unsere äußere Sicherheit nach wie vor zu wenig Unterstützung erfährt. Denn wir müssen die Probleme dieser Welt dort lösen, wo sie entstehen. Wenn wir das nicht machen, kommen diese Probleme zu uns.“
Bei der Bundesversammlung des BDF war Fritz einstimmig an die Spitze gewählt worden, Bernhardt wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt. Als Nachfolger von Oberst Rainer Grube wurde Brigadegeneral Gert Gawellek, derzeit stellvertretender Kommandeur DSK, zum zweiten Vizepräsidenten des BDF gewählt. Mit dem „Kameradenkreis Fallschirmjägerbataillon/Luftsturm-Regiment 40“ wurden auch erstmals ehemalige Fallschirmjäger der DDR fest in den BDF aufgenommen, nachdem bereits seit einigen Jahren eine entsprechende Kooperation bestanden hatte.
Zum Foto: Wechsel an der Spitze des Bundes Deutscher Fallschirmjäger: Generalleutnant a.D. Hans-Werner Fritz (l.) übernimmt in Koblenz unter dem Beifall der Delegierten symbolisch die BDF-Fahne von Generalmajor a.D. Georg Bernhardt.
Die Form wechselt, der Geist bleibt
Bilder vom Appell am 28.04.2015 im Westpfalzstadion Zweibrücken. Generalmajor Eberhard Zorn, Kommandeur der Division Schnelle Kräfte, vollzog die Umgliederung der LLBrig 26 zur LLBrig 1. Sie behält den Namen Saarlandbrigade. Deren Kdr, Oberst Stefan Geilen, vollzog die Auflösung und Würdigung der Fallschirmjägerbataillone 261 und 263, sowie des Luftlandeunterstützungsbataillons 262. Neu in Dienst gestellt wurde das FschJgRgt 26, unter seinem ersten Kommandeur, OTL Andreas Steinhaus.
Die verhüllten Truppenfahnen der aufgelösten FschJgBtl 261 und 263, sowie des LLUstgBtl 262. Im Vordergrung v.l.: OTL Spallek, O Geilen, OTL Kniffka, OTL Mayer.
v.l.: GM Zorn, OB Pirrung (ZW), O Geilen, BM Brill (Lebach), OB Henz (SLS), O Lauer
Generalmajor Zorn (Mitte) überträgt das Kommando über das neu aufgestellte FschJgRgt 26 an OTL Steinhaus, v.r. der Kommandeur LLBrig 1, Obersr Geilen.
Oberst Grube, 2. Vizepräsident des BDF, mit dem Kdr LLBrig 1, Oberst Geilen.
Oberst Geilen und OTL Steinhaus mit BDF-Wappen
Abordnung FschJgRgt 31, vorne Mitte: Oberst Hoppe, Kommandeur.
Nachruf auf Oberst d.R. Eckhart Schiller
Der Justitiar des BDF, Oberst d.R. Eckhart Schiller, ehem. Stellvertretender Amtsgerichtsdirektor in Pirmasens bis Mai 2000, ist am 21.Februar 2013 im Alter von 68 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorben.
„Richter, Soldat und Politiker in einer Person“ titelte „Die Rheinpfalz“ und würdigte die Verdienste für sein vielfältiges ehrenamtliches Engagement. Im vergangenen Jahr ist Schiller dafür auch mit der Ehrenmedaille des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet worden. Denn neben seiner Tätigkeit als Stadtrat in Zweibrücken ab 1996 und Fraktionsvorsitzender der dortigen CDU ab 2000 hat er sich besonders um Organisationen in den Bereichen Sport, Soziales und Wirtschaft verdient gemacht.
Als aktiver Soldat und später als Reserve-Offizier diente er über lange Jahre in der LLBrig 26, für seinen jahrelangen Einsatz sowie seine Führungs- und Unterstützungsleistung als Kommandeur des FErsBtl 340 wurde er mit der Ehrennadel der 1.LLDiv ausgezeichnet.
Gottlob musste der BDF nie für strittige Auseinandersetzungen auf seinen juristischen Rat zurückgreifen. Mit seinem fachkundigen Rückhalt hat er manche Sorge gar nicht entstehen lassen.
Der BDF ist ihm und seinen Angehörigen, die sein Engagement mitgetragen haben, zu ehrendem Gedenken verpflichtet.
Für den Bund Deutscher Fallschirmjäger
Georg Bernhardt, Präsident
Oberst i.G. Kliebisch neuer Vizepräsident des BDF
Traditionell soll gerade der Vizepräsident des BDF die enge Bindung an die aktive Truppe unterstützen, und nachdem Brigadegeneral Henning Glawatz, der dieses Amt seit vielen Jahren mit großem Engagement ausgeübt hatte, selbst bereits seit einiger Zeit „ausser Diensten“ ist, war es nun an der Zeit für einen Nachfolger.
Dieser wurde in Oberst i.G. Jan Kliebisch gefunden, derzeit Abteilungsleiter im EinsFüKdo, und vielen in der Truppe bekannt aus seinen Vorverwendungen, u.a. als KpChef im FschJgBtl 272, als Kdr FschJgBtl 261 und beim KSK. Bei der ausserordentlichen Bundesversammlung in Grünheide bei Berlin wurde er im März 2015 als neuer Vizepräsident des BDF gewählt.